Ein sensibles Gleichgewicht
Während sich viele Staaten in Asien und Ozeanien resilient in Zeiten multipler Krisen zeigen, ist die strukturelle Verwundbarkeit mehrerer Länder genauso erkennbar. Zugleich zeigt die Wirtschaft tiefe soziale und strukturelle Bruchlinien, die destabilisierend wirken. Immer klarer treten dabei zudem die Interdependenzen zwischen den drei Untersuchungsdimensionen Demokratie, Wirtschaft und Governance des BTI zu Tage.
Der BTI 2026 konstatiert für Asien und Ozeanien eine beachtliche Resilienz gegenüber multiplen Krisen wie den Nachwehen der Pandemie, Energie- und Nahrungsmittelschocks sowie geopolitischen Spannungen. Erkennbar bleiben dabei zugleich die vielfältigen und enorm unterschiedlichen Transformationspfade. So bleibt die nach Fläche, Bevölkerung und Wirtschaftswachstum größte und bedeutendste BTI-Region politisch unverändert gespalten: Zwölf Autokratien stehen zehn Demokratien gegenüber. Während Malaysia und Sri Lanka leichte Fortschritte erzielten, dominieren in Afghanistan, Myanmar und Pakistan Rückschritte und autokratische Verhärtung. In Indonesien führte die dynastische Machtpolitik unter Joko Widodo und sein Bündnis mit Prabowo Subianto die Demokratie an den Rand der Autokratie. Gleichzeitig zeigten Taiwan und Südkorea bemerkenswerte Widerstandskraft. In Taiwan bestätigten freie Wahlen den demokratischen Kurs trotz wachsender Polarisierung, und in Seoul verhinderten Zivilgesellschaft und Parlament im Dezember 2024 die Etablierung eines Ausnahmezustands (- 0,55 Punkte).
Nicht zuletzt dank der Bekämpfung der Inflation gelang vielen Staaten die Rückkehr zur Makrostabilität. Doch die Wachstumspfade divergierten deutlich. Bangladesch, Indien, die Philippinen und Vietnam zählten zu den dynamischsten Performern, während reife Volkswirtschaften nur moderat wuchsen und fragile Staaten wie Afghanistan, Myanmar und Laos stagnierten. Die Qualität der Governance stagnierte im regionalen Mittel auf niedrigem Niveau. Positive Ausnahmen sind Taiwan, das Platz eins im BTI-Gesamtranking hält, sowie Bhutan und Timor-Leste, die unter schwierigen Bedingungen konsistente Steuerungsleistungen zeigen. In Afghanistan (- 0,98) und Myanmar (-0,32) ist die Steuerungsfähigkeit dagegen nahezu vollständig zusammengebrochen, und die Lage in Bangladesch bleibt trotz aller Fortschritte fragil (+ 1,14).
Politische Transformation
Ein Hang zum Autoritären
Schon der BTI 2024 hatte Südkoreas konservativem Präsidenten Yoon Suk-yeol einen Hang zum autoritären Regieren attestiert. Die Verhängung des Kriegsrechts in den späten Abendstunden des 3. Dezember 2024 war jedoch für Beobachter und Bürger gleichermaßen ein Schock. Yoon begründete seinen Schritt mit der Bedrohung durch nordkoreanische „skrupellose pro-Pjöngjang, anti-staatliche Kräfte“ im Parlament, welche unter der Führung der größten Oppositionspartei eine „parlamentarische Diktatur“ etabliert hätten. Zwar scheiterte der Selbstputsch bereits nach wenigen Stunden am Widerstand des Parlaments und der Zivilgesellschaft, doch die Krise spiegelt die Erosion des demokratischen Konsenses unter den politischen Eliten sowie die zunehmende Polarisierung der koreanischen Politik wider.
Auch in Indonesien war der Präsident hauptverantwortlich für die immer offener hervortretende Demokratiekrise. Weil es Joko Widodo (Jokowi) nach zwei Amtszeiten nicht gelungen war, die Verfassung bezüglich des Wiederwahlverbots ändern zu lassen, verfiel er auf eine dynastische Strategie. Ihr Kernstück war eine Allianz mit seinem früheren Rivalen Prabowo Subianto. Jokowi unterstützte dessen Präsidentschaftskandidatur, sofern Prabowo Jokowis unerfahrenen Sohn Gibran als Vizekandidat akzeptierte. Die Präsidentschaftswahl vom Februar 2024 wurde zur unfairsten seit der Demokratisierung 1998. Unter Prabowo ist Indonesien inzwischen noch näher an die Schwelle zur Autokratie gerutscht (- 0,35).
Die übrigen sieben Demokratien weisen ebenfalls mehr oder weniger starke Defekte auf. Das betrifft insbesondere Indien und die Philippinen. In Indien brachten die Parlamentswahlen 2024 einige überraschende Wendungen für die regierende Bharatiya Janata Partei (BJP) mit sich; sie war gezwungen, eine Koalitionsregierung zu bilden. Die Amtszeit des philippinischen Präsidenten Ferdinand Marcos Jr., dem Sohn des ehemaligen Diktators Ferdinand Marcos Sr., ist vor allem durch Machtkämpfe zwischen konkurrierenden Elitezirkeln und politischen Dynastien geprägt.
Unter den Demokratien haben lediglich Malaysia (+ 0,60 Punkte) und Sri Lanka (+0,35 Punkte) eine deutliche positive Entwicklung genommen. In Malaysia gelang es der von Premierminister Anwar Ibrahim geführten Einheitsregierung, durch parteiübergreifende Kompromisse eine gewisse politische Stabilität zu wahren, die Handlungskapazität von Regierungsbehörden voranzutreiben sowie die Kompetenzen des Rechnungshofes zu stärken und eine Reform der Parteienfinanzierung zu erreichen. In Sri Lanka wurde der wirtschaftspolitisch erfolgreiche, aber nicht frei von autoritären Zügen agierende Präsident Ranil Wickremesinghe im September 2024 überraschend abgewählt. Sein Nachfolger Anura Kumara Dissanayake vom linken Bündnis der National People‘s Power verfügt über ein umfassendes Mandat über alle Volksgruppen hinweg.
Keinerlei Veränderungen zeigen sich in der Gruppe der konsolidierten Autokratien (China, Laos, Nordkorea, Vietnam), wo das System alternativlos erscheint und als „the only game in town“ gilt. Andere Autokratien sind aber deutlich instabiler. Obgleich sie verstärkt auf Zwang und Unterdrückung setzen, sind sie als Herrschaftsordnungen zumindest latent gefährdet. Zuletzt war dies in Bangladesch zu beobachten. Als Studenten gegen Diskriminierung bei Aufnahmeprüfungen für öffentliche Stellen protestierten, reagierte das Regime der seit 2009 amtierenden Premierministerin Sheikh Hasina mit Folter und Misshandlungen. 1.400 Menschen sollen getötet worden sein. Verhindern konnte dies den Umsturz nicht. Eine Übergangsregierung unter der Leitung des Nobelpreisträgers Muhammad Yunus hat seitdem mehrere Programme für politische, wirtschaftliche und Verfassungsreformen entwickelt (+ 0,68).
Wirtschaftliche Transformation
Zwischen Erholung und strukturellem Wandel
Zwischen Februar 2023 und Januar 2025 befand sich die Region an einem Wendepunkt zwischen Erholung und strukturellem Wandel. Die unmittelbaren Folgen der COVID-19-Pandemie sowie der weltweiten Energie- und Nahrungsmittelpreisschocks waren zwar abgeklungen, doch ihre längerfristigen Nachwirkungen prägten weiterhin die wirtschaftliche Entwicklung. In vielen Ländern verlief die Adaption weitgehend erfolgreich, und die makroökonomische Stabilität verstärkte sich. Die Inflation ging in vielen Volkswirtschaften zurück, Verschuldungslasten stabilisierten sich und Handelsströme passten sich geopolitischen Verschiebungen an.
Anstelle eines einheitlichen Entwicklungspfades trat dabei eine zunehmende Aufsplitterung in unterschiedliche Geschwindigkeiten des Wachstums, die nicht allein durch geografische Lage oder Rohstoffausstattung, sondern in erheblichem Maße auch durch die Qualität staatlicher Institutionen und die Fähigkeit politischer Steuerung bestimmt wurde. Die wohlhabenden Volkswirtschaften – Singapur, Taiwan und Südkorea – hielten ihre Spitzenpositionen. Gleichzeitig standen sie jedoch vor strukturellen Herausforderungen wie Alterungsprozessen, schrumpfenden Erwerbsbevölkerungen und steigenden Lebenshaltungskosten, die den Druck auf die Haushalte der Mittelschicht verstärkten. In vielen Fällen blieb das Lohnwachstum hinter den Produktivitätszuwächsen zurück, und die Frage der Erschwinglichkeit von Wohnraum entwickelte sich zu einem vorrangigen Konfliktfeld. Die oberen Schwellenländer – darunter China, Malaysia und Thailand – verzeichneten ein gemischteres Bild. Zwar blieben die Entwicklungskennziffern insgesamt stabil, doch vertieften sich die Gegensätze zwischen städtischen und ländlichen Räumen. Zudem sahen sich die Bildungssysteme mit der Aufgabe konfrontiert, Arbeitskräfte auf eine zunehmend digitale und ökologisch orientierte Wirtschaftsordnung vorzubereiten.
In den unteren Schwellenländern zählten die Wachstumsraten des Bruttoinlandsprodukts während des Untersuchungszeitraums zu den höchsten weltweit. Im Fiskaljahr 2023-2024 gehörten Indien (9,2 %), Vietnam (7,1 %), die Philippinen (5,7 %) und Bangladesch (6,5 %) zu den dynamischsten Performern. Dennoch gelang es nur begrenzt, diese makroökonomische Dynamik in einen umfassenden sozialen Fortschritt umzusetzen. Weitreichende informelle Sektoren, eingeschränkter Zugang zu hochwertiger medizinischer Versorgung in ländlichen Gebieten und eine geringe Passung zwischen Qualifikationen und Arbeitsmarktanforderungen behinderten eine inklusive Entwicklung. Am unteren Ende des Spektrums schließlich standen die einkommensschwachen und fragilen Staaten. In Afghanistan und Myanmar führten politische Instabilität und gewaltsame Konflikte sogar dazu, dass frühere Fortschritte in Bereichen wie Alphabetisierung, Müttergesundheit oder Zugang zu sauberem Trinkwasser zunichte gemacht wurden.
Überhaupt besteht ein enger Zusammenhang zwischen dem Stand der wirtschaftlichen und der politischen Transformation. Geschlossene Autokratien wie Afghanistan, Myanmar und Nordkorea weisen verheerende ökonomische Bilanzen auf, während Südkorea und Taiwan Beispiele wirtschaftlich erfolgreicher Demokratien darstellen. Von diesem Muster lassen sich jedoch zwei Gruppen markanter Ausreißer unterscheiden: zum einen die autoritären Systeme mit hohem wirtschaftlichem Niveau (China, Singapur, Thailand, Vietnam); zum anderen die Gruppe der vier Demokratien, die nicht zuletzt aufgrund struktureller Nachteile ein geringes wirtschaftliches Transformationsniveau aufweisen. Die Leistungen in Bhutan, Nepal, Sri Lanka und Timor-Leste sind vor diesem Hintergrund bemerkenswert.
Governance
Die Interdependenzen sind klar zu erkennen
Wie die Governance-Leistungen mit der politischen und soziökonomischen Transformationsprozesse zusammenhängen, lässt sich am besten in einem Langzeitvergleich zwischen dem BTI 2026 und dem BTI 2006 studieren. Er zeigt zum einen, dass Staaten, deren politische Entscheidungsträger nicht demokratisch legitimiert sind und keinen oder schwachen demokratischen Anreizmechanismen sowie rechtsstaatlichen Kontrollen unterliegen, häufig schlechtere Regierungsleistungen produzieren als Länder, die besser entwickelte demokratische Strukturen aufweisen. Die einzige Autokratie mit einer deutlich überdurchschnittlichen Qualität der Regierungsführung ist Singapur. In puncto effizientem Ressourceneinsatz liegt der seit 1959 von der People’s Action Party autoritär regierte Stadtstaat sogar an der Spitze des BTI-Rankings und bei der Gestaltungsfähigkeit auf Platz 2. Die größten Defizite der Governance bestehen weiterhin in der Konsensbildung, und hier insbesondere in der zivilgesellschaftlichen Beteiligung, sowie im Einfluss anti-demokratisch oder semiloyal eingestellter Eliten.
Zum anderen zeigt der 20-Jahres-Vergleich, dass die Erosion von Governance-Qualität in rückschrittigen Demokratien oder verhärteten Autokratien besonders ausgeprägt ist. Dies gilt vor allem für Afghanistan (-2,32 Punkte seit dem BTI 2006), dessen Governance erstmals seit 20 Jahren als gescheitert gilt. Die Taliban zeigten weiterhin keine Bereitschaft zu Reformen und stützten sich trotz der verbesserten Sicherheitslage auf militärische Strukturen und autoritäre Befehle, statt auf inklusiven Dialog oder rechtsstaatliche Verfahren. Auch international mangelt es den Taliban an Legitimität, da kein Staat sie als die rechtmäßige Regierung des Landes anerkennt.
Stark rückläufige Governance-Leistungen finden sich aber auch in Ländern wie Indien (-0,83) und Südkorea (- 0,81). Allerdings verbieten sich einseitige Schuldzuweisungen an die Adresse von Ex-Präsident Yoon (2022-2025). Denn auch die Opposition um seinen Nachfolger Lee Jae-myung zeigte wenig Bereitschaft zu lösungsorientierter und kompromissbereiter Politikfindung. Praktisch mit Beginn von Yoons Amtseinführung begann er damit, das von der Opposition kontrollierte Parlament zu umgehen oder an den Rand zu drängen, während die Opposition versuchte, jegliche Vorhaben der Regierung zu blockieren. Die Folge waren politischer Stillstand und eine weitere Polarisierung von Politik und Gesellschaft. So lässt sich Südkoreas jüngste Krise zwar einerseits als Lehrstück demokratischer Resilienz verstehen. Andererseits ist dies bereits das zweite Mal in weniger als zehn Jahren, dass demokratische Kräfte präventiv nicht in der Lage waren zu verhindern, dass eine gewählte Regierung aktiv gegen zentrale Prinzipien, Prozesse und Praktiken des Systems vorging.
Kurzfristig besonders markant sind die Governance-Verbesserungen in Bangladesch (+ 1,14). Positiv sind die Veränderungen vor allem im Hinblick auf die Lern- und Priorisierungsfähigkeit, die effektive Nutzung von Ressourcen, die Antikorruptionspolitik sowie die Konsultation der Öffentlichkeit. Anlass für allzu große Vorschusslorbeeren bieten sie aber nicht. Der Sturz der Awami-League-Regierung hat für Bangladesch eine einzigartige Chance geschaffen, die es zu nutzen gilt. Zahlreiche Reformkommissionen haben Vorschläge zur grundlegenden Umgestaltung des politischen Systems, der Wirtschaft und der Regierungsführung gemacht, die als Grundlage für einen zwischen- und überparteilichen Dialog dienen könnten. Doch die Aufgaben, vor denen die künftige Regierung steht, sind immens.
Ausblick
Drei Herausforderungen
In Asien und Ozeanien lassen sich für die kommenden Jahre drei zentrale Herausforderungen benennen: Erstens müssen die Demokratien die Polarisierung abbauen und die institutionelle Prävention gegen Autokratisierungsversuche stärken. Die Gefahr ist real: In sieben von neun Ländern, die im BTI 2006 als Demokratien klassifiziert wurden, hat sich das Niveau der politischen Transformation verschlechtert, und wie die Daten des BTI ebenfalls zeigen, bleibt auch die elektorale Komponente eines demokratischen Systems auf Dauer nicht verschont, wenn die liberale Seite erodiert.
Zweitens stehen die Autokratien vor der Frage, ob sozioökonomische Spannungen ohne politische Reformen kontrollierbar bleiben. Dauerhafte Legitimität hängt dabei weniger von Wachstumsraten als von gerechter Verteilung und Klimafähigkeit ab. Effektive, transparente und inklusive Steuerung entscheidet über Erfolg oder Scheitern der Transformation. Ohne Fortschritte in Rechtsstaatlichkeit, Korruptionskontrolle und Konsensbildung droht in vielen Staaten die politische Stagnation, in der demokratischer Wandel gar nicht erst angestoßen werden kann.
Drittens treten autokratische oder antipluralistische Akteure in einem sich verändernden internationalen Umfeld nach außen immer selbstbewusster auf. Das gilt nicht nur für China, Indien und Singapur, sondern inzwischen auch für Nordkorea, einem der geopolitischen „Gewinner“ des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine, sowie für Staaten wie Kambodscha und Pakistan. Die Auswirkungen der Außen- und Außenwirtschaftspolitik der zweiten Trump-Administration im Indo-Pazifik-Raum kann der BTI 2026 noch nicht reflektieren. Bereits jetzt deutet aber vieles darauf hin, dass sie Staaten wie Indien und Vietnam in die chinesische Partnerschaft drängt, traditionelle Verbündete wie Südkorea und Taiwan verunsichert und die sino-amerikanische Machtbalance zugunsten Pekings verschieben könnte. Die Diskurshegemonie des Westens ist ohnehin Geschichte.