Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine bleibt auch 2026 eine Drehachse für ambivalente Entwicklungen in der Region. Die Zahl der Demokratien ist auf ein historisches Tief gefallen: Neun Autokratien stehen nur vier Demokratien gegenüber. Neben der politischen Trennlinie zieht sich aber eine zweite durch die Region, zwischen ökonomischen Profiteuren von Krieg und Sanktionen sowie den dadurch wirtschaftlich Benachteiligten.
Politisch erlebte Georgien den deutlichsten Einbruch und wurde infolge von Wahlmanipulationen, repressiven Gesetzen und der Unterdrückung der Opposition zur Autokratie abgestuft. Die Aussetzung des EU-Beitrittsprozesses führte zu Massenprotesten, die gewaltsam niedergeschlagen wurden. Demgegenüber zeigt die Ukraine auch im vierten Kriegsjahr bemerkenswerte Resilienz und hält am EU-Kurs fest. Moldau entschied sich trotz massiven russischen Drucks knapp für den pro-europäischen Kurs, was in der Eröffnung der EU-Beitrittsverhandlungen mündete. Armenien bleibt trotz Polarisierung vergleichsweise stabil, und die Mongolei hält ihren demokratischen Status, umgeben von autokratischen Nachbarn. Russland und Aserbaidschan hingegen verschärfen ihren Repressionskurs.
Ökonomisch hat der Krieg Gewinner im Südkaukasus und Zentralasien hervorgebracht, wo Parallelimporte, Energiepreise und russische Emigration Wachstum befeuern, während energieabhängige Importeure wie Moldau massiv unter Druck geraten. Russland bleibt trotz umfangreicher, aber auch umgehbarer Sanktionen stabil, während die Ukraine trotz beispielloser internationaler Unterstützung mit einer massiven Finanzierungslücke ringt.
Hinsichtlich der Regierungsqualität erreicht die Ukraine durch effizienzsteigernde Reformen ihr Allzeithoch und behauptet ihre regionale Spitzenposition. Moldau vertiefte die internationale Zusammenarbeit, Armenien konnte die umstrittene Grenzregelung mit Aserbaidschan ohne restriktive Maßnahmen implementieren, während Georgien in allen Governance-Aspekten deutliche Rückschritte verzeichnet. In Kasachstan stockt der angekündigte Modernisierungsprozess, während die Regierungsführung in Belarus, Russland und Turkmenistan als gescheitert gilt. Insgesamt verläuft eine klar demarkierte weitere Trennlinie, zwischen schwach regierten Autokratien und relativ gut regierten Demokratien.
Hans-Joachim Spanger
Regionalkoordinator Postsowjetisches Eurasien